Pressetext Ausstellung 'Superschön', GALERIE EMMANUEL POST, 2006

Gutsche zeigt einen vielfältigen, irritierenden Kosmos zwischen Malerei und Fotografie, Ready-made und Skulptur. So zeigt das großformatige, akribisch ausgeführte Gemälde Du und ich und die anderen Gutsches Frau in einem kubischen 'Schönheitssalon' aus Ziegeln und den Künstler unter düsterem Himmel beim erfolgreichen Krocketspiel; subtil werden Scheitern und Triumphieren zum Bildthema. Die Skulptur Captain Future, ein schwebender Stoffschlumpf, suggeriert eine glasglockengeschützte Zukunft. Gutsches Universum aus Gefundenem und Verfremdetem überzeugt durch Ausdrucksvielfalt und Assoziationsreichtum. Das existentielle Eingebundensein in verschiedene konkurrierende Ordnungssysteme zeigt sich im Persönlichen, Pseudowissenschaftlichen und Politischen. Spielerisch und mit Ironie gelingt es Alexander Gutsche, absurde Geschichten glaubwürdig zu erzählen.

 

 

 

Biss mit melancholischem Blick

Akribisch, irritierend korrekt, detailversessen. Kühl wirken die Malereien von Alexander Gutsche. Die Figuren und Gegenstände häufig wie ausgeschnitten, lassen an gemalte Collagen denken, bei allem Volumen werden Menschen und Dinge in raumlosen Flächen verankert, dort zu verharren, sich auszustellen. Acryl auf Leinwand, getilgte Pinselspuren. Helle Farbigkeit, ab und an dominante Farbakzente, bei insgesamt stimmiger Tonigkeit der einzelnen Bilder. Leipziger Malerei, Leipziger Schule, die Neue, auch wenn keiner so genau weiß, was das ist, wie die Neue sich von der Alten unterscheidet, wie mit ihr zusammenhängt, läßt man mal die Erfolge auf dem internationalen Kunstmarkt als Maßstab außer Acht. Wichtig ist, dass dadurch der Focus wieder stärker auf die Malerei gelenkt wird, unter den Malern Raum für Reibungen entsteht, Herausforderungen wachsen, von denen auch Gutsche profitiert, aus denen heraus sein bisheriges Werk geworden ist. Gutsche ist dabei ein Solitär, skeptisch jedem modischen Trend gegenüber, gehört er dennoch dazu, mit eben seiner Skepsis, Distanz, seiner Ironie und hintersinnigen Art. Ein eher heimlicher Träumer, für den Abstand Schutz ist vor allzu gängiger, hin und wieder verklärter Waldeslust. Er ist im direkten wie übertragenen Sinn ein Sammler und Sucher, einer der nachgräbt, nachfragt, die Dinge genau betrachtet. Am deutlichsten tragen die Objekte Spuren dieser Sammelleidenschaft. Alte Sachen auf Flohmärkten zusammengetragen, Gegenstände alltäglichen Tuns, Kinderspielzeug, all das, was uns umgibt, was wir kaum noch wahrnehmen, findet seine Aufmerksamkeit, wird bei ihm abgelagert, wartet auf seine Verwendung. Ver-wenden, das Wort sagt es, hin- und her wenden, auseinandernehmen, es anders wieder zusammensetzen-, steht das Gesammelte verfremdet in Gutsches Objekten wieder auf, anderes zu offenbaren, sich neu ansehen zu lassen. Der Nudelkopf [Weitere Hilfeleistungen in der Sanitätsstelle], geboren aus einem missglückten Kochversuch, Lebensmittel, nun erstarrt zu einer Art Büste des Todes, Vanitas als Horror. Käpten Future, ein Schlumpf steigt auf zu einem Weltraumfahrer, hängt nun am Seil, vom Kinder-Comic-Himmel in die wirkliche Welt geholt, glasglockengeschützte Zukunft. Die liebevollen Heizschnucken, Schafsköpfe auf alte Heizkörper gepfropft, stehen sie blöd herum auf Papiergras, warten, Amputation wie Neuschaffung. Und die Proteine, die aus einem alten grünen Topf einer Hexenküche herauszukochen scheinen, aneinander klebende verschieden große Bälle, verborgener Globus in ihrer Mitte, weiss getaucht, wie Seifenblasen die zu entschlüsselnden Bausteine des Lebens, genetisches Material, erinnern sie hintersinnig an das Märchen vom Süßen Brei, der quoll und quoll, kein Halten mehr kannte, wie die Geister die einst ein Zauberlehrling rief...

Aber Gutsche erzählt keine Märchen, berauscht sich auch nicht an animierten Wirklichkeiten, die seinen Wünschen gehörchen könnten, fliegt nicht davon mit seiner Kunst. Er bleibt da, Bodenhaftung, sieht sich um, lebt, erlebt, ihm geht es um Dasein, die doppelten Böden, die sich hier auftun, in den Banalitäten des Alltags den Irrsinn zu finden, den kaum eine Phantasie gebären kann. Vermüllung der Welt, Perfektionierung als Schein. Der Künstler sieht hin und zeichnet, assoziativ, böse, belustigt, weil selbst ebenso Gefangener seiner Zeit, holt er die Reclameoberflächen in seine Kunstwelt, baut sie hier um, entblößt sie ohne säuerliche Geste, eher sachlich, halb träumend und halb bitter zufrieden, da so zu können. Die Dinge abzubilden mit Perfektion, sie uns verfremdet vorzuführen, überdeutlich, groß ins Bild gesetzt wie den Eierbehälter [10 frische Eier], greifbar nah mit seinen Licht- und Schattenspielen, entzieht er sich am Ende doch, Zugreifen verboten. Auch die Tuba, entrückt durch die Art des Ausschnitts, bis wir uns fragen, was das eigentlich ist, was wir sehen, wo es herkommt, hingeht. Dienstleistungsgesellschaft tönt es Orangen-Weiß aus einem anderen Bild. Dienst woran, an wem, was sollen diese Männchen, was die oben ins Bild greifenden Hände, die collagierten Münder. Werbung, Verpackung, Verlockung, Müll, Ende aus. Es sein denn so einer wie Gutsche kommt und nimmt den Müll auseinander, sortiert ihn um, setzt ihn anders wieder zusammen. Auch mal verwoben mit Privatem, das eher versteckt wird, ein eigenes Thema wäre auch mit Kindheit zutun hat, der des Künstlers.

Aus kleinen Skizzen und Bleistiftzeichnungen können bei Alexander Gutsche große Bilder werden, gemälte oder auf Papier gezeichnete, mit Acryl aquarellähnlich ausgetuschte. Eines ist hier zu sehen, aus seiner Serie ABC der Niederlagen, das letzte davon, das Ende. Wissenschaft ist oben groß im Bild zu lesen, am unteren Bildrand XYZ. Fünf Figuren, wie ausgeschnitten, fette Gestalten in Badeanzügen, Badehose, verschwinden in einem ellipsenähnlichen Loch, das kein Loch ist, Fläche bleibt, fast schwarz, aber nicht ganz schwarz. Sarkasmus kann sich auch so äußern, in subtilen Anspielungen. Der Raum wird verweigert, wohin verschwinden die Beine der Figuren, die dadurch wie auf Stümpfen daherzukommen scheinen, sich umarmen, feuchte Runde klebriger Zufriedenheit, eingefettet, verquollen, spaßbereit. Hilfe Wissenschaft, Wissenschaft hilf. Chromosomen, Defekte, Zeitbild, Vorhang auf. Dicht neben den Anpreisungen der Warenwelt wartet bei Gutsche die Irritation. Es kippelt in seinen Bildern, kippt, bis das Dargestellte wird, was es ist, banal.
Auf anderen Bildern legt der Künstler zusätzlich Spuren; Kreise, Punkte, die sich ab und an öffen, zu Blicken durch ein Mikroskop werden, Vergrößerungen preisgeben wie Zukunftsverheißungen. Aber die Posen der Menschen scheinen über die Jahre gleich geblieben, gefroren nun in den Abziehbildern einer bei Gutsche sich ins Groteske steigernden Warenwelt, Mechanisierung des Menschen.
Die Bildsprache des Künstlers trägt es bereits in sich, er muss nicht zu viel erzählen, es offenbart sich über seine Art des Machens, die Überdimensionierungen, Collageeffekte, die vereinzelt sich blähenden Volumen, die staubtrockenen oder/und geglätteten Flächen, das Verweigern eines sinnlichen Zugangs, all das zusammengeschmolzen zu einer greifbaren Verlockung, die sich dennoch entzieht. Handarbeit als Qualität, eben nicht fototechnisch verfielfältigt, computeranimiert, nein handgemacht, zu verfolgen über die Lustigen Blätter, kleinen Zeichnungen, die aufspringen wie Keimzellen, nach den Malereien und Objekten zu greifen, sich gegenseitig beflügeln, miteinander zu verwachsen. Existentialistisches, Groteskes, Surreales, das Wirklichkeit wird im Werk von Gutsche. Als würde einer von hinten durch die Leinwand beißen, aus Sehnsucht, aus Wut, das Spiel anzutreiben, sich einzubinden in den Kreislauf Leben.

Ina Gille

[Rede vom 27.03.2006 anlässlich der Ausstellungseröffnung von Alexander Gutsche in der Zeitkunstgalerie, Halle]

 



Pressetext Ausstellung 'Das Universum unter der Mütze', GALERIE EMMANUEL POST, 2005

Alexander Gutsche hinterfragt in seinen stilistisch der Pop-Art nahen Arbeiten mit ironischem Augenzwinkern und trockenem Humor den Aberwitz menschlichen Daseins. Die oftmals geglätteten Oberflächen seiner Arbeiten und die detailgetreue akribische Ausführung eröffnen eine Bildwelt, die unter Verwendung von historischen, semantischen und autobiografischen Versatzstücken persönliche und gesellschaftliche Aspekte thematisiert.

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