Komatsu zog die Nase kraus und überlegte lange. Dann seufzte er
und schaute sich im Lokal um. »Eine verdammt seltsame Welt.
Mit jedem Tag fällt mir schwerer zu erkennen, wo die Grenze zwischen
Realität und Fiktion verläuft. Wo hört das eine auf und wo fängt das
andere an? Wie würdest du als Schriftsteller Realität definieren...?«1

 

 

Annäherungen an die Wirklichkeit – Begegnungen mit der Wirklichkeit


Tobias Hild zeichnet und malt. Landschaften, Tiere, menschliche Wesen, cartoonartige Monster, Roboter und Maschinen nehmen seine Arbeiten ein. Seine Bilder wecken erzählerische Assoziationen, die – wenn man ihnen folgt – bizarre Welten erstehen lassen. Ritterburgen, (dunkle) Wälder, brennende Häuser, Mischwesen, Flugobjekte, einsame Landschaften und Bergketten verweisen auf Märchen und Fabeln, aber auch auf die fiktiven Welten Jules Vernes’, H. G. Wells’, J. G. Ballards oder Haruki Murakamis. Folgt man jedoch den literarischen Welten, entfernt man sich auch wieder von den Bilderwelten Tobias Hilds, denn es sind nur Annäherungen; Hilds Werke erzählen eigene Geschichten, denen ein spezifisch phantastischer Erzählfluss eigen ist.

 

Ausgangspunkt der Bilder Tobias Hilds ist seine Umgebung, der Alltag. Seine subtilen Alltagsbeobachtungen hält er sowohl mit Pinsel als auch mit Stift fest. Stets mit einem Skizzenbuch in der Tasche, sammelt der Künstler überall – sowohl auf Reisen als auch im heimatlichen Alltag – seine Eindrücke mit konzentriert wachem und intensivem Blick. Mit einem Blei- oder Buntstift fängt er Stimmungen, Emotionen, Szenen ein. Wirklichkeit, was ist das? Der uralten Frage der Philosophie und Kunst nähert sich Tobias Hild zuerst mit schnellem Stift und Pinsel.
Über die Jahre hat er eine beachtliche Anzahl von Skizzenbüchern unterschiedlicher Formate erarbeitet. Diese Aufzeichnungen sind visuelle Tagebücher. Tageswerke lassen sich erkennen, und jedem Buch ist eine eigene Atmosphäre wie Arbeitsweise inne. Mal überwiegen malerische, düstere Aspekte und die Seiten sind schwer von der Farbe. Dann dominieren wiederum schnelle, lichte Bleistiftzeichnungen. Diese ersten Ideensammlungen, die zwischen Figuration und Abstraktion wechseln, bilden den visuellen und intellektuellen Fundus seiner Arbeiten. Seine »Notizen« sind Ausgangspunkt für den Bildfindungsprozess. Tobias Hild schöpft aus dem Fundus des Erlebten und Gesehenen. Sein Bewusstsein und seine Wahrnehmung sind bestimmend für die Intensität seiner Bilder. Hild arbeitet figurativ. Reale Szenarien, Landschaften und Häuser sind auszumachen, doch mischen sich in die reale Welt nahtlos phantastische und irritierende Elemente.
Ein gemaltes Bild birgt eigentlich in sich das Versprechen der Authentizität, es ist greifbar und vermittelt sinnliche Präsenz. Doch Hilds Bilder werfen erst einmal Fragen auf, verunsichern den Betrachter, da die vertraute Welt schnell ins Wanken gerät.
In »Bärenbahn« (Frontispiz) hat ein Auto die Wesenszüge eines Tieres, lange Ohren flattern im Fahrtwind und die Motorhaube gleicht einer langen Schnauze. Das hybride Objekt hat gerade einen bärenschädelförmigen Tunnel verlassen und folgt einer Rennbahn, die sich kreisförmig um einen stilisierten See mit Berggipfeln zieht. Perspektive und Größenverhältnisse sind außer Kraft gesetzt. Je länger man den einzelnen Szenen folgt und diese verbal zu erfassen versucht, scheint man einen (Alp)Traum zu erzählen, in dem vertraute Elemente, Figuren neue Realitäten haben und andere Beziehungen knüpfen. Weit Entferntes nähert sich und wird verknüpft. Vertrautes wird unheimlich und ist zu hinterfragen.
Eine kleine idyllische Landschaftszeichnung zeigt im Hintergrund einen einsamen Menschen im Bach, ruft er um Hilfe, oder winkt er einem fernen Beobachter zu? Betrachtet der Mann in Stiefeln und Arbeitskleidung tatsächlich einen gefällten Baumstamm? Welche schwierigen Aufgaben hat der kleine Mann mit dem Tropenhelm zu lösen? Warum läuft ein wolfsähnliches Wesen, wie ferngesteuert, mit Rucksack und Schwert bestückt durch eine Landschaft, schweben durchsägte Baumstämme in der Luft und wohin reitet eine unbekleidete Frau auf einem Einhorn?
Oftmals nehmen kleine menschliche Lebewesen überdimensionierte Landschaften ein und müssen gegen Naturgewalten bestehen. Wobei offen bleibt, ob der Schwimmer erleichtert das Land erreicht oder gerade versinkt und der Mensch im Kanu das Ufer tatsächlich erreichen wird.

Angst und Zerstörung sind als stetiges Thema auszumachen. Die Angst ist unter der Oberfläche immer zu spüren. Die Landschaft lässt keine idyllischen Träume zu, Architekturen gehen in Flammen auf und unheimliche, nicht fassbare Wesen treiben ihr (Un)Wesen.
Hilds Bilder sind hintergründig, ambivalent, manchmal böse, aber auch humorvoll. Es sind seine Kommentare zu den täglichen Katastrophen, Irrungen, Ängsten, Alpträumen, aber auch den poetischen, schönen Augenblicken. Die beunruhigende Kraft seiner Bilder liegt nicht nur in seinen Geschichten, seiner erzählerischen Kombinatorik, sondern auch in seinem malerischen Duktus, seiner expressiven Gestik und seiner offensichtlichen Leidenschaft mit Farbe Wirkungen zu erzielen, Strukturen und Formen zu setzen. Tobias Hilds sinnliche Lust an der Farbe ist dominant. Die Lust des Malers am Handwerk des Malens, am Farbmaterial und an Farbtönen ist unschwer zu erkennen. Seine Farbpalette ist sehr vielfältig und reicht von dunklen Grau- und Brauntönen bis hin zu hellen, auch grellen Farben.
Die Motive werden gesammelt und geschichtet, die oberste Schicht ist tragend, die unteren Schichten sind jedoch auch präsent. Tobias Hilds Gemälde zeichnet ein kompakter, vielschichtiger und reliefartiger Farbauftrag aus. Übermalungen und Überarbeitungen komplizieren dessen Struktur und machen den langwierigen Malprozess, die Werkgenese sichtbar. Der Künstler übermalt immer wieder seine Bilder wie auch seine Ölzeichnungen. Die zahlreichen Malschichten, die dicke Bildoberfläche zeugen von Irrtümern, Fehlschlägen, Hoffnungen und der unermüdlichen wie selbstquälerischen Suche nach dem Bild. Leinwand oder Papier sind sein unerschöpfliches Aktionsfeld.

 

Tobias Hilds Bilderwelt ist gegenständlich und figurativ, aber er wechselt in seinen Bildern zwischen Illusion und Konkretem, dem Gegenstand wie der Abstraktion. Dieser Wechsel im Bild und der bildinternen Erzählung, dem Wechsel von Realem und Phantastischem, führt zu Kraftfeldern im Bild. Hild schafft eine eigene künstlerische Sphäre, eine hybride Welt mit eigenen Gesetzen, Realitäten und Lebewesen. In seinen Bildern führt er den Blick auf das Leben zwischen und hinter den Dingen und er gibt damit seinen Werken etwas Unheimliches und (Alp)Traumhaftes. Die Idylle ist trügerisch, die Natur bedrohlich, die Beständigkeit brüchig. Die unterschiedlichen Perspektiven und Größenverhältnisse lassen die gewohnte Welt aus den Fugen geraten und den Gegenständen und Dingen eine eigene Dynamik und Geschichte innewohnen.
Dem Betrachter öffnet sich in Hilds Werken eine Welt, die eigentlich im Verborgenen liegt. Es steht dem Betrachter offen dem Künstler zu folgen, sich mitziehen zu lassen in seine Bilderwelten, die sowohl real als auch traumhaft sind.


1 Murakami, Haruki; IQ84, Buch 3, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, Köln 2011, S. 348.

 

Dr. Jeannette Stoschek, 2012

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