An der Grenze zum Schmerz


Das knabenhafte Mädchen in der Galerie Post hat „Zu lange gesessen". Schmerzhaft nachzuempfinden, weil die roten Abdrücke des Stuhlgeflechts auf der zarten Haut zu sehen sind.

Der Eindruck vertieft sich noch, das die Malerin die Sitzfläche kurzerhand in das Bild collagiert hat. Juliana Ortiz, geboren, 1976, 
legte ihr Malereidiplom 2004 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Professor Gille ab. Sie zeigt in der Leipziger Atelierhaus-Galerie wieder einmal, dass sie frei genug ist, Grenzen zu überschreiten, zu probieren, groß und klein zu arbeiten, ausschnittartig, Materialien mischend, künstlerische Zugriffe variierend. So stehen neben kleinen „Musterbildern" Porträts, Interieurs und Figuren-Szenen. Den „gelben Backsteinweg" (Ausstellungstitel) findet man allerdings ebensowenig wie das Motiv der Einladungskarte.

Jedoch vermittelt nur der erste Eindruck ein wahlloses Zusammenstellen der vorgeführten Arbeiten. Die Titel lenken auf die Spur des Grundthemas der im Osnabrücker Land aufgewachsenen Ortiz: das „Wohnzimmer", das Elternhaus in „Oesede Süd" oder die „Schaukel" im Garten der Kinderzeit. Die Porträts zeigen Familienmitglieder. Die Eltern allerdings in jungen Jahren, nach Fotografien gemalt. Das Selbstporträt hingegen ist aktuell und zeigt „Juli" in 2005. Die Muster entstammen einem „Strickpulli" oder einem „Deckchen", „Sterntaler" dem glücksverheißenden Märchen. Die Bilder von Juliana Ortiz umschreiben Erinnerungen und deren Wahrnehmung sehr genau: opulent und mit guten Gefühlen versehen, bruchstückhaft, ja detailartig, als großes Bild oder nur als das Aufscheinen eines Momentes. Spürbar wird die Auseinandersetzung der 29-Jährigen mit ihren Jahren der Kinderzeit. Und sie verführt den Betrachter, sich zu erinnern. Gleichwohl verheimlicht sie nicht, dass auch Schmerzhaftes zu Tage tritt. Vielleicht so etwas wie tiefe rote Einschnitte in zarter nackter Haut - vom viel zu lange Verharren.

 

Christine D. Hölzig

© Leipziger Volkszeitung, vom 13.04.2005

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