Das Gegenteil von Slapstick

In Juliana Ortiz' Arbeiten geht es immer wieder um das zu-Hause-sein: wo wird geschlafen, was wird gekocht oder gebacken, was hängt an der Wand. Sie malt den Wohnzimmerteppich, das Bett, die Tapete, das Telefon. Sie malt die Lampe an der Decke des Ferienhauses ihrer Eltern und das Makramee-Ornament an der Wand. Sie malt das elterliche Wohnzimmer sowie das ganze Haus von außen gesehen. Sie malt die Schaukel im Garten mit den Spuren ihrer Benutzung im Schnee.

Beim Teppich legte sie die Kontur des Bildes und des dargestellten Gegenstandes zusammen. Dadurch thematisierte sie die Bildhaftigkeit des Objektes ebenso wie die Objekthaftigkeit des Bildes. Das In-die-Perspektive-Kippen des Teppichs, das den Bildumriß zum Trapez macht, und die Malweise, die die Stofflichkeit eines echten Teppichs nachahmt, lassen einen Raum in der Vorstellung entstehen, dessen weitere Einrichtung der Vorstellungskraft des Publikums überlassen bleibt. Das Bild ist wie eine Brücke in ein Interieur im Kopf.

Wie im Teppich tauchen auch in vielen anderen ihrer Bilder Muster auf.
Muster - ob gewoben oder geknüpft oder wie gewoben oder geknüpft gemalt - haben etwas Vermittelndes. Sie stehen zwischen Unikat und Reproduktion, zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, sie verbinden das Häusliche mit dem Industriellen, sie können Nachahmung sein ebenso wie konkrete Kunst, sie verweisen inzwischen genauso auf das Kunstgewerbe des 19. Jahrhunderts wie auf die Serien der Moderne und der Gegenwart.

Und vor allen Dingen: so vor sich hin zu weben kann sehr trostreich sein - ein Versinken in Gleichförmigkeit als Erholung vom Druck, immer wieder etwas Neues, Originelles hervorbringen zu müssen, gleichzeitig aber die Gewißheit, daß das Bild wächst und wächst und wächst...
Muster verbinden die Langeweile mit dem Schöpfungsakt.
Nicht zuletzt ist die Herstellung von Mustern auch eine Analogie zu Prozessen in der Natur.
Auch dort gibt es Spezi(e)s, denen ein dickes Fell nicht von selbst gewachsen ist, die sich deshalb eines machen müssen, wie etwa die Larven der Köcherfliege, die ihr weiches Hinterteil mit Steinchen und Stöckchen umkleiden, was wiederum aussieht wie selbstgemachte Vasen aus den Siebzigern.

Ortiz' Bilder wirken immer wie "selbst gemacht".
Nie fangen serielle Strukturen an, industriell zu wirken, noch ist Ortiz um eine besonders virtuose Ausführung bemüht. Sie erfindet und setzt um - ihre Techniken kommen eher aus dem Hobby als aus der Akademie. Eine Phase der Veredelung gibt es nicht.
So entsteht eine Kunst, die nicht aufgrund ihrer Umsetzung opulent oder zwingend wirkt, sondern aus der Neugierde heraus, die zu ihrer Entstehung führte.
Einige der abgebildeten Gegenstände sind wirklich selbst gebaut, improvisierte Lösungen für Alltagsprobleme - auch wenn nicht immer ganz klar wird, welche. Am "Haken" zum Beispiel könnte man Kleider aufhängen, er könnte aber auch Vögeln zum Pause-machen dienen, nach einem langen und anstrengenden Flug etwa. Er könnte aber auch ein Utensil sein aus der Welt von „Liesel" und dem „Naturburschen", die seltsam hängen geblieben wirken auf dem Weg vom Gegenstand zum Lebewesen und stolz ihre Funktionslosigkeit behaupten.

Und immer wieder erscheint Ortiz selbst, als hätte sie der Gemeinschaft der Menschen den Rücken gekehrt, in manchmal märchenhaft, manchmal sprichwörtlich erscheinenden Situationen, durch die sie sich mal wach, mal schlafend, mal schlafwandelnd, bewegt.
Abgesehen von Portraits ihrer Familienmitglieder ist sie die einzige Person, die auf den Bildern auftaucht. Oder zumindest die einzig menschliche Person, denn seltsam lebendig begegnen einem Bett, Stuhl und Vorhangstange.
Doch hat dies nichts Beängstigendes an sich, die Gegenstände sind keine Feinde, wie im Slapstick, sondern freundliche Wesen, die nichts anderes zu wollen scheinen, als ihre Schöpferin zu umgeben, so als gäbe es ein Einverständnis zwischen Mensch und Material.

Paule Hammer, 2006

 

 

 

Pressemitteilung Ausstellung EMMANUEL POST, 2006

In der Ausstellung Das ist mir nicht egal zeigt Juliana Ortiz neueste Arbeiten auf Leinwand. In konsequenter Weiterführung ihrer vom künstlerischen Prozess geprägten 'Selbstporträts' sind dies vor allem Darstellungen vereinzelter Gegenstände aus dem Fundus ihres alltäglichen Umfelds, ihres Ateliers. Dabei sind die großformatigen Gemälde direkte, unmittelbare Bildfindungen mit reduzierten Mitteln; rätselhaft-erzählerisch oder spielerisch-surreal erscheinen die Dinge, ihrer ursprünglichen funktionalen Bestimmung entfremdet.

 

 

 

Pressemitteilung Ausstellung EMMANUEL POST, 2005

In Der gelbe Backsteinweg, Ausstellung aktueller Malerei von Juliana Ortiz, sind autobiografisch aufgeladene Figurenbilder und abstrakte Arbeiten zu sehen. Verbindendes Element der oftmals witzigen, handwerklich verblüffenden Malerei ist die Auseinandersetzung mit eigener Erinnerung, mit Abschiednehmen und Rückkehr; alltägliche Erlebnisse bestimmen dabei den künstlerischen Prozess immer wieder neu.

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