Aufgrund ihrer sanften Absonderlichkeit hatten Sebastian Rugs Zeichnungen vermuten lassen, dass er ein Linkshänder sei. Doch der kleine Arbeitstisch steht an der rechten Wand des schlichten Zimmers. Das Licht fällt von links auf die Arbeitsfläche. Ein Papierbogen ist buschdicht übersäht mit kurzen krummen Bleistiftstrichen. Dort streift Rug die Stifte spitz, bevor er auf seine kleinen Blätter zeichnet. "Mein bestes Werk" nennt er die Graphit-Palette. Sein Ton lässt kurz zweifeln, ob er es ironisch meint.
Der 1974 in der Rhön geborene, in Thüringen aufgewachsene Rug legt in Formate bis gerade mal A4 feine Netze und lässt millimeterkleine zarte Zeichengerüste wachsen. Er suggeriert mit seriell zueinander gesetzten Mikroformen präzis anmutende, doch nie gesehene Oberflächen. Minimale Einzelstriche setzen komplexe Formationen zusammen. Sie wecken Assoziationen an urzeitliche Funde, an Holzmaserung, an vielverzweigte, aber gleichmäßige fraktale Systeme. Alles ist höchst sublim, Graustufen auf Weiß. Keine Schattierungen, keine Strichlagen, nur kleine graphitene Setzungen. Hand-werkelnd gefügt, nie technisch gerade. Nervöses gibt es, doch nirgends einen fahrigen Rutscher. Die Gebilde sind leicht und kostbar, sie schweben aus dem weißen Nichts heran. ...
... Nur das, wovon man nicht sprechen kann, darf man zeichnen. Gewiss hat das viel mit der Gegenwart zu tun, mit millionenfach vernetzten Winzlingen in sensiblen, riesigen Abhängigkeitsstrukturen. Den manipulierten und massenhaft - unwichtigen - Bildern der Moderne hält Rug einen asketischen Ernst entgegen. Er zielt auf die Reinheit eines Sichtbaren an sich: wortlos, also falschlos. Das ist hohes Terrain, weit von Kunst entfernt, die sich allerlei bildtechnischer Prothesen bedient. Der Zeichner und die Leere, und nichts dazwischen.
Kein Wunder bei dieser Motivation, dass es die mineralische Natur ist, die ihn fasziniert, und Bilder aus Mikro- und Makrokosmos. "Natur hat immer die Eigenschaft, sich selbst zu organisieren. Ähnliches versuche ich ja auch als Zeichner, dass ich wie ein Medium bin und das Bild sich selbst organisiert." Es könnte sie irgendwo geben, diese gezeichneten Objekte. Sie sind der Natur entlehnte Fragmente, einmal durch den Rugschen De-Realisations-Brüter geschickt. ...

Meinhard Michael

© Leipziger Volkszeitung, vom 20.06.2006 (S. 9, Kultur)

 

 



... Nur zwei Künstler überzeugen. Zufällig benutzen sie die kleinsten Formate der Ausstellung. ... Der andere auffallende Künstler ist der noch nicht 30-jährige Sebastian Rug. Es ist nur anscheinend bescheiden, was er betreibt: Striche, Linien, Schraffuren, Geflechte, Netze. Kopf runter und Kleinstzeichnen, mal horchen, was Hand und Körper, Kopf und Auge so treiben. Rug betreibt einen Gegenentwurf zur Malerei, die auf die ganze Medienwelt schielt. Das lebt, das vibriert...

 

Meinhard Michael

© Leipziger Volkszeitung, vom 03.11.2005

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